Ehrungen

Nicht nur Spuren sind von Regine Hildebrandt hinterlassen worden, sondern auch ihr eigenes Handeln hat sich für viele zum Nacheifern empfohlen. Alljährlich werden Initiativen, die im Sinne von Regine Hildebrandt wirken, geehrt. Wir dokumentieren diese Ehrungen an dieser Stelle. 

Enkel-Brief aus dem Jahr 1999

Lieber Franz, liebe Antonia, liebe Cäcilie!

Ich sitze auf der Terrasse unseres Mehrgenerationenhauses kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Der Himmel ist blaugrau mit rosa angestrahlten Wolken, der See spiegelglatt. Drei Fledermäuse flattern schon über die Bäume. Es ist Frieden.
Ihr, meine drei Enkelkinder, schlaft schon behütet. Ihr seid ein Teil der vier Generationen, die auf unserem Familiengrundstück gemeinsam leben. Vor mir liegen die Fotoalben aus der Zeit, in der ich so klein war wie ihr, und von der Zeit, als eure Mutter so alt war wie ihr. Welch enorme Unterschiede zur jetzigen Zeit!
Als ich zwei Jahre alt war (1943) wie Cäcilie jetzt, war Krieg. Wir waren aus Berlins Zentrum, unserem Zuhause, evakuiert worden aufs Land, in den Warthegau. Kurz danach wurden wir ausgebombt. So gut wie alles, was wir besessen hatten, war weg. Auch alle Fotos unserer Familie. lch habe jetzt nur zusammengesammelte Reste von der Verwandtschaft vor mir.
In Antonias Alter erlebte ich Flucht und Kriegsende, Rückkehr nach Berlin, Noteinquartierung in anderthalb Zimmer, Klo unter der Treppe im Hausflur. Beginn mit nichts.
Als ich acht Jahre alt war, wie es Franz jetzt ist, wurde Deutschland durch das Entstehen zweier Staaten, der Bundesrepublik und der DDR, für Jahrzehnte gespalten. Wir waren im Osten.

All die frühen Jahre meiner Kindheit waren geprägt durch relative Not, durch Dürftigkeit und Bescheidenheit, wie sie in der Nachkriegszeit allgemein üblich war, aber zugleich auch durch große Hilfsbereitschaft innerhalb der Familie, des Freundeskreises, starkes Zusammengehörigkeitsgefühl und große Freude an vielen kleinen Dingen. Die Improvisation, die Fantansie war gefordert bei den jämmerlichen Verhältnissen, wenn man es sich schön machen wollte. Fastnacht feierte die ganze Familie als "Lumpenball" - und da fiel jedem ein "Kostüm" ein! Und was für eine tolle Freude war es, als unsere Verwandtschaft für uns wieder ein altes Klavier aufgetrieben hatte - euer Urgroßvater war nämlich Pianist.
Diese Art des Lebens hat mich maßgeblich geprägt: Freude am Kleinen, Teilhabenlassen anderer - und dadurch Zufriedenheit. Das Wirtschaftswunder erreichte uns in Ostberlin und Ostdeutschland nicht. Es ging für uns sehr bescheiden aufwärts.
Als eure Mutter geboren wurde (1969), stand die Mauer in Berlin schon acht Jahre. Deutschland war nun wirklich so gespalten, dass wir Ostler Westdeuschland und sogar Westberlin nur noch von fern sehen, aber nicht erreichen konnten.
Wir lebten weiß Gott nicht in wirtschaftlicher Not, aber in genügsamen Verhältnissen, wie sie die DDR der Siebzigerjahre prägten. Improvisation war wieder gefordert, ob beim Wohnungsrenovieren, beim Wasserhahninstandhalten, bei der Ausgestaltung von Feiern oder dem Erwerb passender Geschenke - das war stets eine kleine Problembewältigung, die zur Befriedigung und Freude führte, wenn man sie schließlich gepackt hatte. Und wenn die Westpakete mit abgelegten Anziehsachen für Kinder oder Eltern kamen, war Frohsinn angesagt: es wurde anprobiert und sortiert, die Reste bekam die Bekanntschaft, die sich ebenso freute. Also auch damals wuchsen die Anspruchsbäume nicht in den Himmel. Und dazu kam, dass der politische Druck uns, unsere Verwandtschaft und unsere Freunde, die allesamt dem System sehr skeptisch gegenüberstanden, zu einer Art kleiner Notgemeinschaft zusammenschweißte. Unsere "Nischen", zum Beispiel die Berliner Domkantorei, in der fast alle Familienmitglieder und viele unserer Freunde jahrzehntelang mitsangen, gaben uns menschliche, geistliche und künstlerische Heimstatt, Freude und Zufriedenheit - trotz aller widrigen Umstände. Oder vielleicht auch wegen aller widrigen Umstände?
Und da sind wir bei dem springenden Punkt.
Ihr, meine Enkelkinder, seid nach der "Wende" geboren, hineingeboren in das wieder geeinte Deutschland - eine tolle Zeit, ein großes Glück!

Wir konnten uns zum Beispiel gemeinsam ein Mehrgenerationenhaus bauen auf unserem Familien-Wochenendgrundstück, das wir schon dreißig Jahre besitzen. Doch der Bau eines Hauses lag immer jenseits unserer Möglichkeiten. Jetzt geht eben Vieles. Ihr seid schon in etliche Länder Europas gereist, nach denen wir uns Jahrzehnte gesehnt haben. Ihr bringt mit zwei, drei Jahren eure Lieblings-CDs zum Klingen, mít acht Jahren sitzt ihr am Computer und holt euch jedwede Informationen oder macht Spiele, wo in meiner Kinderzeit nur Geschichten erzählt und Lieder gesungen wurden, wo eure Mutter sich an einer Handvoll Schallplatten für Kinder jahrelang erfreut hat - und noch heute freut (zum Beispiel "Weihnachtsgans Auguste" oder die "Geschichten-Lieder" von Lakomy). Oder: Massen von Videos und x Fernsehprogramme jetzt statt unserer stummen Super-8-Märchenfilme, die wir beim Gucken erklären mussten. Oder: Gestaltung von Kindergeburtstagsfeiern mit irrsinnig vielen Geschenken fürs Geburtstagskind und gleichzeitig unzähligen "Preisen" für die Gäste. Oder: Süßigkeíten. Oder: Kleidung. Wir sind eine Konsumgesellschaft mit enormem Anspruchsdenken geworden. Und wir brauchen das "richtige Maß" dafür!
Ich wünsche euch ganz viel Gutes. Aber gerade deswegen wäre es mir manchmal lieber, die vielen, vielen Angebote wären beschränkter, die "Versuchung" hielte sich in Grenzen. Denn das richtige Maß zu finden, ist offenbar schwer. Durch die Wende, scheint mir, sind wir Ostler von einem Extrem ins andere gefallen und haben eben das richtige Maß, das wir brauchen, wieder verfehlt.
Beispiel: Wir wollten die Freiheit des Wortes, der Meinungsäußerung, weil in der DDR jeder kritische Ansatz unmöglich war. Jetzt kann jeder so gut wie alles sagen - auch das übelste Zeug oder den größten Mist. Das ist sein Recht. Für mich wird die gewünschte "Freiheit des Wortes" damit geradezu ins Gegenteil verkehrt. Und so geschieht es in vielen Bereichen unserer Gesellschaft.
Ja, liebe Enkelkinder, manchmal denke ich schon so wie eure Urgroßmutter kurz vor ihrem Tod: "Es ist gut, dass ich mein Leben in dieser Zeit nicht mehr vor mir habe ..." Ich weiß, das ist keine optimistische Botschaft. (Ich denke es ja auch nur manchmal.) Und eigentlich müssten wir nach fünfzig Jahren Demokratie ohne Krieg in Deutschland - und insbesondere wir Ostdeutschen nach zehn Jahren freiheitlicher Gesellschaft in der Bundesrepublik - hoch zufrieden sein, noch dazu am Anfang des neuen Jahrtausends im sich vereinigenden Europa. Alles richtig - trotzdem habe ich wegen des Verlustes des richtigen Maßes große Bedenken.
Wie kann man da helfen in dieser Zeit? Als erstes kommt das bewährte, erprobte Rezept aus DDR-Zeiten: Tue, was du für richtig hältst, in deiner Familie, in deinem Freudeskreis, deinem Kollegenkreis. Lebe das richtige Maß vor!

Als evangelische Christen hatten wir damals in der DDR durch unsere Gemeinden und durch unsere Kirche den festen Grund für dieses richtige Maß. lch wünschte es mir auch für euer Leben!
Wie übt man die bescheidenere, nicht so auf Anspruchsbefriedigung und Spaß orientierte, verantwortungsbewusstere Lebensart ein? Ganz schlicht erst mal in der Familie, im engeren Umfeld. Ein Mehrgenerationenhaus, wie wir es jetzt haben, ist dazu sehr gut geeignet. Und wenn wir alle gemeinsam im Sommer wieder nach Rumänien zu unseren Verwandten fahren, wird aus eigenem Erleben und eigener Anschauung ganz selbstverständlich deutlich, dass sich mit wesentlich weniger "Ausstattung" auch ein erfülltes Leben führen lässt.
Und jetzt schreibt mal eure Politik-Oma: Für unsere Gesellschaft hier brauchen wir zum Einüben günstigere Rahmenbedingungen. Es wäre schön, wenn es uns besser als bisher gelänge, aus unseren Städten und Dörfern "integrierte Sozialgemeinden" zu machen. Was meine ich damit? Ärmere und Reichere, Behinderte und Gesunde, Alte und Junge, Benachteiligte und Bevorzugte leben dicht zusammen und die Kinder lernen schon im Kindergarten, selbstverständlich miteinander auszukommen, natürlich sich auch auseinanderzusetzen - aber sich eben auch gegenseitig zu helfen. Und sie lernen verantwortlich zu handeln!
Wenn uns das im Kleinen gelingt, ist mir auch um das Ausstrahlen, das Weitergeben dieser wichtigen Erfahrung nicht bange - zum Beispiel nach Rumänien, zum Beispiel nach Osteuropa. Und da sind wir dann schon beim Ausbau einer starken Europäischen Union, die ihr unbedingt braucht, um sicher im neuen Jahrhundert leben zu können.

Nun ist es völlig dunkel geworden bei uns am See. Jetzt schlafen nicht nur die Jüngsten, sondern auch die Alten. Und friedlich ist es immer noch.
Hoffentlich noch sehr lange - auch für euch, meine Enkel.